Gregory Maass & Nayoungim: The Shower of Blessings
Christoph Kivelitz
Ein turmartiges Gebilde mit Fondue-Tellern, ein aus Parkett-Holz gezimmertes, schreinartiges Gehäuse, kleine weiße Rundpodeste mit goldüberzogenen Gebilden, ein Leuchtbild mit Karotten, übergroße Zeichnungen von kubischen Körpern auf Millimeterpapier sowie ein altarähnlicher Aufbau mit magisch aufleuchtenden Feuerstätten, all das ist nicht gerade dazu angetan, uns eine klare Orientierung zu vermitteln. Irreführend stellt sich auch der Titel dar. Der Begriff "Blessings" verweist in den religiösen Bereich, geht es doch um einen göttlichen Segen, der hier nun aber in profanisierter Gestalt, in einer gewöhnlichen Dusche über uns zu kommen scheint. "The Shower of Blessings" meint die Offenbarung göttlicher Gnade, in einer Form von Extase aufgenommen. Diese Erfahrung bezieht sich nicht nur auf die christliche Überlieferung, sondern ebenso auf Buddhismus
und Taoismus. Wenn auch diese religiösen Aspekte in der Ausstellung nur latent wirksam sind, dringen wir hier doch in Bereiche vor, die auf ein Höheres ausgerichtet sind. Im weiteren Sinne berührt dieser Begriff das menschliche Streben, zu den Urgründen vorzustoßen und damit auch die eigene Zukunft gestalten zu können. An diesem Punkt sei der Blick auf die mehrteilige Installation gerichtet, die Gregory Maass & Nayoungim für das Kulturmagazin Lothringen geschaffen haben. Ausgangspunkt ist ein turmhafter Aufbau, errichtet aus einem einfachen System aus Metallstützen, in dem auf Podesten in gleichförmiger Reihung zahllose Fondue-Teller ausgestellt sind. Die Aufgliederung der Oberfläche in einzelne Segmente entspricht der Funktion dieser Teller,
gleichzeitig gewinnen diese durch die unterschiedlichen Kompartimente ein sehr differenziertes Erscheinungsbild. Einige Teller verwandeln sich in ein maskenhaftes Gesicht, andere wirken durch die serielle Wiederholung als Ornament, so wie es für fernöstliche Architekturtraditionen prägend ist. Die Künstler selbst bezeichnen diese "Fondue-Tower" selbst auch als Pagode und bestätigen so diese Verknüpfung. Eine Pagode steht als Symbol für Buddha und den Buddhismus. Sie entwickelte sich aus der indischen Stupa, ursprünglich ein Erdhügel, der über den sterblichen Überresten einer toten Person errichtet wurde. In die Mitte dieser Hügel wurde ein Stab gesetzt, der als Verbindung zum
Zentrum des Universums angesehen wurde. So ist in dieser Bauform die axiale Verknüpfung irdischer und metaphysischer Dimensionen zur Anschauung gebracht. Hier vermittelt sich der Eindruck, Boden und Decke des minimalen Raumes würden durch diese hoch aufwachsende Konstruktion gleichsam durchstoßen, als schraube sie sich - durch eine unsichtbare Energie angetrieben – in kaum zu erahnende Tiefen- und Höhenräume fort.
Auf der Zwischendecke des Raumes ist zudem ein aus Parkettholz errichteter Schrein aufgesockelt. Dieses Gebilde kann in seiner nüchternen Erscheinungsweise durchaus in den Kontext der konkreten Kunst gebracht werden. Von der Gestalt her lässt es sich bei detailliertem Studium aber ebenso auf einen Satelliten beziehen, nachgebaut - nach Aussage von Gregory Maass - aus Parkettholz, das der historischen Denkstube Henrik Ibsens in Norwegen im Zuge des musealen Umbaus seines ehemaligen Wohnhauses entnommen wurde. Den Verweis auf Ibsen ergänzt an der uns zugewandten Seite des Objekts ein motivisches Zitat der suprematistischen Architektone von Kazimir Malewitsch. Malewitsch schuf mit diesem Motiv ein Sinnbild für eine von Gegenstandsbezügen befreite Welt. Die Reduktion auf einfachste geometrische Formen stellte er in den Dienst der Veranschaulichung 'höchster' menschlicher Erkenntnisprinzipien. Die Dramen Ibsens stehen demgegenüber für ein tragisches Lebensgefühl, das Erlebnis des uneigentlichen Lebens und einer Form des lebendigen Totseins. In der Welt Ibsens strebt die Hauptperson häufig ein Ziel an, aber dieses Streben führt in die Kälte und die Einsamkeit. Die kleinen weißen Podeste an der Decke und den Wänden des angrenzenden Raumes setzen dieses Spiel mit Andeutungen und Verknüpfungen fort. Die weißen Rundungen vor dem weißen Grund der Decke lassen - wenn auch als Kreise - das weiße Rechteck auf weißem Grund von Malewitsch assoziieren, doch tragen sie hier eigentümliche Skulpturen, wurstartige Aufhäufungen, die mit ein wenig Vorstellungskraft als Gold überzogene Exkremente zu identifizieren sind. Das Pathos des visionären Malewitsch wird auf die real körperhafte Realität des Menschen zurückgeführt. Die den Raum wie Feuerflammen durchziehenden Podeste zitieren in ihrer Anordnung das Sternbild des Großen Wagens, das im Englischen den Namen "Charles' Wain" trägt. Das Sternbild verknüpft so den astronomischen Bezug mit dem menschlichen Erkenntnisstreben, wobei hier mit dem Inbegriff des "angry young man" auch eine Identifikationsfigur des sich auflehnenden Künstlers oder Außenseiters gegen kanonisierte Festlegungen gegeben sein mag. Eine weitere literarische Figur begegnet im Leuchtbild am Treppenabgang in den Keller der Galerie mit John le Carre. Der Spionageroman-Autor hat sich 2001 skeptisch über die Wirksamkeit der Militärschläge in Afghanistan geäußert und herbe Kritik an der Politik Tony Blairs geübt. Der Bezug auf das Bildmotiv bleibt zunächst unklar. In einer Rahmung aus Alu-Schienen erscheinen vier Karotten, die im Nut und Feder-Verfahren zu einem annähernd rechteckigen Gebilde zusammen gefügt sind. So zieht sich der Bezug auf den Suprematismus von Kazimir Malewitsch wie ein roter Faden durch die Ausstellung, wobei gerade dieser Bezugspunkt ständig verschoben und irritiert wird.
Denn immerhin sehen wir hier kaum eine geometrische Form, vielmehr eine Struktur, die durch die unregelmäßige Kontur der Karotten bestimmt ist und nur vorläufig in diese Konstellation eingebracht und fotografisch festgehalten werden konnte. Durch das allmähliche Verschrumpeln der Möhren wird deren Verschränkung wieder aufgebrochen werden. Die Disziplinierung des Naturprodukts bleibt temporär, um hier jedoch museal und in der Würde eines Reliquienschreins präsentiert zu werden. Immerhin ist davon auszugehen, dass jemand diese Karotten längst dem Zyklus der Natur erneut zugeführt hat. Das Naturprodukt - sei es auch genetisch oder wie immer manipuliert - bewahrt sein Potential für nicht vorhersehbare und determinierbare Entwicklungen.
Den folgenden Kellerraum durchzieht in einer geschwungenen Linie eine Sequenz von Bildtafeln. Die Art der Präsentation verweist in ein gutbürgerliches Milieu, in dem in ähnlicher Weise Erinnerungsfotos - in Lederrahmen gefügt - aufgestellt werden. Doch hier sind die Rahmen bis zur Übergröße aufgeblasen, zudem schlicht aus Holzleisten gezimmert. Die akribisch ausgeführten Tuschzeichnungen zeigen so genannte Super-Computer - Typ Cray oder IBM - älterer Machart.
Es handelt sich um hermetisch abgeriegelte Körper, die in ihrer blockhaften Erscheinung vielleicht den Satelliten aus dem oberen Galerieraum vor Augen führen, in der Isolation auf der Rasterstruktur des Millimeterpapiers jedoch jedem funktionalen Kontext vollständig entrückt sind. Hochleistungsserver dieser Art fanden u.a. zur Prognose des Wetters, von Naturkatastrophen oder Aktienschwankungen Verwendung.
Ein Kaktus, dem Rechner jeweils zur Seite gestellt, versinnbildlicht die extreme Verdichtung von Energie, um damit gleichzeitig den im Rechner sich verkörpernden Allmachtsanspruch durch Verfremdung zu ironisieren. Auch in diesem Fall umspielt die Installation eine
Simulationsstrategie, mit Hilfe derer die Umwelt beeinflusst und in ihrer Zukunftsdimension gesteuert werden soll. Der den Rundgang abschließende Kabinettraum zeigt schließlich die "Scientific Box". Eine Nebelmaschine schafft die mystische Atmosphäre eines kryptischen Andachtsraums. Flackernde Feuerstellen vermitteln den Eindruck einer kultischen Opferstätte. Doch auch hier ist alles letztlich nur Künstlichkeit und Illusion. Der Nebel entstammt einer einfachen
Theatermaschinerie, die gleißenden Flammen gehen von einer elektrisch illuminierten Feuerstätte mit Kunstharz-Hölzern aus. Alles lässt sich auf einen bloßen Theaterzauber zurückführen. Alle Erklärungs- und Deutungsmodelle von Wirklichkeit beziehen sich aus einer Illusionsmaschinerie und werden damit in ihrer Trughaftigkeit entlarvt. Weherklärungs- und Sinnstiftungsmodelle aus
Wissenschaft, Philosophie und Religion stellen sich - wie in einem "Zauberkasten" - als zwar raffinierte, doch immer auch durchschaubare technische Inszenierungen dar. Allerdings ist gerade dieser Simulation eine besondere Faszination zu Eigen. Der mystisch illuminierte Kabinettraum, die hermetische Präsenz der Super-Computer, die mittlerweile in ihrer hoffnungslosen Überalterung eine
museale Würde ausstrahlen, die vergoldeten Exkremente, in das Sternbild des Charles' Wain entrückt, sowie die aus Baumarkt-Materialien und Fondue-Tellern errichtete Pagode geben
keine Antworten auf Fragen zu unserem irdischen Sein, zu dessen Begrenztheit und Bestimmung. Sie stehen vielmehr für einen Spannungsraum, in dem sich unsere Existenz vollzieht. Der Versuch, die gelebte Gegenwart auf ein utopisches Zukunftsbild auszurichten ist Gegenstand dieses künstlerischen Projekts, das gleichzeitig immer auch die unüberbrückbaren Gegensätze zwischen diesen Dimensionen umfasst. Gregory Maass & Nayoungim ergründen in ihrer künstlerischen Arbeit die Schnittstellen und Bedeutungsverlagerungen zwischen High and Low, profanen und sakralen Darstellungsmustern. Gregory Maass: "Das unendlich Kleine und das unendlich Große, das
Sublime und das Groteske, das Metaphysische und das Triviale haben gleichzeitig und nebeneinander in stetig komplexer werdenden Verknüpfungen Bestand."